Freiburg Halbmarathon 2013

Submitted by steffen on Mi, 04/10/2013 - 17:42
Freiburg Halbmarathon 2013 - Foto: Rock / Plesker

Mein Laufbericht vom Freiburg Halbmarathon 2013

Freiburg im Breisgau. Die älteste dokumentierte Erwähnung von menschlichem Leben im Bereich des heutigen Stadtgebiets von Freiburg geht auf das Jahr 1008 zurück. Das bedeutet im Umkehrschluss, wenn man weiß, dass der Freiburg-Marathon in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum feiert, dass die Freiburger Laufsportler fast 1000 Jahre lang ohne eigene Marathonveranstaltung auskommen mussten.
Was haben die bloß getrieben, in der ganzen Zeit? Die Antwort ist einfach: Ein nettes kleines Städtchen haben sie gebaut. Und zwar ganz ohne Tiefbahnhof. Noch...

Da aber Neuried nicht über einen Bahnhof, weder über- noch unterirdisch, verfügt, erfolgte die Anreise zur stimmungsvollsten Laufveranstaltung im Südwesten der Republik auch in diesem Jahr mit einem CO²-ausstoßenden Kraftfahrzeug. Ich musste allerdings nicht selbst fahren; meine Arbeitskollegin Tanja war diesmal mit von der Partie, und so konnte ich mich bequem zurücklehnen und meine Eignung als Beifahrer, die zusammen mit meiner Fähigkeit rückwärts einzuparken im unteren Drittel einer imaginären Werteskala von 0 bis 10 zu finden ist, unter Beweis stellen.

Trotzdem kamen wir irgendwann in Freiburg an und konnten auf dem Gelände eines Möbelhauses im Schatten eines großen roten Stuhles ein Plätzchen zum Parken ergattern. Da wir rechtzeitig losfuhren und somit schon recht zeitig vor Ort waren, machten wir einen kurzen Walk zum Messegelände, um zu sehen, was denn da so los ist, so früh am Tag. Und da war sozusagen der Luzifer los, da steppte der Bernd, da wackelte die Heidi! Abertausende bunt gekleideter Läuferinnen und Läufer sorgten für ein reges Treiben - und lange Schlangen vor den Toiletten. Zumindest drinnen. Bei den Herren. Auch der Orga-Bereich zum Abholen der Startunterlagen bzw. zum Nachmelden war gut besucht, ebenso die Kleiderbeutelabgabe. Zum Glück hatten wir unsere Papiere bereits am Vortag abgeholt und unser Kleiderbeutel war ein dunkelfarbener Audi Kombi, wie ihn auch die Nachwuchsführungskräfte der rumänischen Wettmafia zu fahren pflegen.

Das Wetter meinte es an diesem Sonntag gut mit den über 11.000 Startern: Strahlender Sonnenschein, dem der Zugang zur Erdoberfläsche lediglich durch das Vorhandensein einer geschlossenen Wolkendecke verwehrt blieb, und kein Regen. Das Thermometer zeigte Werte um die 8°C an - eigentlich zu warm für lange Klamotten, dazu allerdings ein dezent kühler Wind. Entsprechend unschlüssig war ich dann auch bei der Kleiderwahl. Ich zog erstmal kurze Sachen an, drehte eine Runde auf dem Parkplatz und entschied mich dann dafür, ein dünnes Langarmshirt unter dem üblichen kurzen Laufshirt mit der Startnummer zu tragen. Unterwegs, so etwa ab Kilometer 3, wenn es mir zu warm werden würde, wollte ich dann einfach das lange Shirt ausziehen. Im Laufen. So der Plan. Untenrum war die Sache einfacher: kurze Tight, da so meine schönen Knie viel besser zur Geltung kommen, und Kompressionstrümpfe, die ich eigentlich nur trage, weil sie meine knackigen Waden so toll betonen. Sagt meine Frau.

Zwischendurch verabredeten wir noch einen Treffpunkt - für den Fall der Fälle:

Sie: "Wo treffen wir uns denn, falls wir uns verlieren sollten?"
Ich: "Im Foyer der Messe. Drinnen, da wo es schön warm ist."
Sie: "Also, wenn Du schneller laufen willst - Du musst auf mich keine Rücksicht nehmen."
Ich: "Äh, ich glaub es wird eher umgekehrt sein."

Sie hielt das für einen Scherz. Ich hielt es für die gnadenlos korrekte Einschätzung unserer beider Trainingsstände.

Nach kurzem Warmlaufen und finalem Pullern, machten wir uns auf dem Weg zum Startbereich, der sich langsam aber stetig zu füllen begann. Die Stimmung war ausgesprochen gut, laute Musik heizte den Startern ein. In der Startaustellung konnte man dann die unterschiedlichsten Ausprägungen von Temperaturempfinden bewundern: Lauferinnen und Läufer in Splitshorts und Tanktop bzw. Singlet standen neben mit Jacke, Mütze, Schal und Handschuhen komplett vermummten Teilnehmern. Die Nuancen zwischen diesen beiden Extremen waren vielfältig und fein. Auch sah man Läufer, die über und über mit Trinkflaschen, Energieriegel und Gelbeutelchen behängt waren, dass man fast annehmen konnte, sie würden zum Ultra-Trail du Mont-Blanc aufbrechen.

Wir sortierten uns im Block B für Läufer mit einer Zielzeit unter 2 Stunden ein.

Um 11:00 Uhr war der Start für Block A. Die dürfen deshalb immer ein paar Minuten früher starten, damit sie den Block-B-Startern nachher nicht im Weg rumlaufen. Dann, etwa 10 Minuten später, waren wir an der Reihe. Mit dem Startschuss setzte sich die Meute in Bewegung. Beim Überqueren der Startlinie drückte ich den Startknopf an meiner Suunto-Uhr, von der ich zu dem Zeitpunkt nicht ahnte, dass sie die einzige treue Begleiterin sein wird, die bis ins Ziel bei mir bleiben würde.
Unser verabredetes Vorhaben war, die ersten beiden Kilometer zum Eingewöhnen mit einem 6er Schnitt zu beginnen und dann das Tempo auf etwa 5:30 zu steigern. In der zweite Streckenhälfte, wenn es vom Badenova-Stadion wieder leicht bergab Richtung Altstadt geht, wollten wir nochmals steigern. So sollte auf alle Fälle eine Zeit unter 2 Stunden drin sein, vielleicht sogar eine 1:55.

"Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert."
(Colonel John "Hannibal" Smith, A-Team)

Kilometer 1 lag nach 6 Minuten hinter uns; die beiden folgenden nach weiteren 11 Minuten. Dann kam, etwa bei Kilometer 3,5 der schmale Tunnel unter den Bahngleisen hindurch - von Jim-Knopf-Fans auch liebevoll der Mund des Todes genannt - der das Läuferfeld erstmal ordentlich einbremste. Auf den folgenden Kilometern bis zum ersten Versorgungspunkt wurde es, auf Grund der kurvigen Streckenführung, teilweise recht eng auf der Strecke; manchmal stockte das ganze Feld, zb. als ein Läufer in einer Rechtskurve abrupt stehen bleiben musste, weil das Kopfhörerkabel seines MP3-Players (oder Smartphones) an einem Absperrgitter hängen blieb und ihm das Gerät aus der Tasche und die Stöpsel aus dem Ohr riss. In Freiburg spielen 42 Bands auf 21 Kilometern. Wer da noch seine eigene Musik mitschleppt ist schön blöd!

Im Gedränge am Versorgungspunkt bei Kilometer 5 verlor ich Tanja aus den Augen. Wenig später sah ich sie ein paar Reihen vor mir wieder. Dachte ich zumindest. Es war aber eine andere Läuferin, die zufälligerweise das gleiche Oberteil trug. Die zwei Zöpfe hätten mich aber stutzig machen können. Da ich aber wusste, dass ihr Mann und die Kinder, die ihrer Mami begeistert zujubeln wollten, bei Kilometer 7 am rechten Straßenrand stehen würden, lief ich einfach weiter, hielt mich ziemlich rechts und versuchte etwas mehr Tempo zu machen. Irgendwann würde ich sie ja einholen. Kurz vor dem nächsten Versorgungspunkt sah ich sie auf der linken Straßenseite laufen. Jetzt müsste sie ja bald rüberkommen und dann könnten wir wieder zusammen laufen.

Aber was passierte am nächsten Versorgungspunkt? Richtig, es gab wieder ein Gedränge. Und was passierte im Gedränge? Richtig, ich verlor Tanja wieder aus den Augen. Ich wusste jetzt nicht mehr, ob sie vor oder hinter mir lief. Ich versuchte mich an den 2-Stunden Ballonläufer zu orientieren. Sie lief vorhin vor den Pacemakern, ich knapp dahinter. Oder hat sie vielleicht aufgegeben und stand schon längst bei Ihrer Familie? Das wäre ziemlich ungeschickt gewesen, weil ich ja ihren Autoschlüssel in der Tasche hatte. Aber diese Möglichkeit war etwa so wahrscheinlich, wie ein evangelischer Papst. Asso sah ich zu, dass ich auch irgendwie an den Tempomachern vorbeikam um mich etwas mehr nach vorne abzusetzen.

Langsam wurde es warm unter meinen zwei Zwiebelschichten. Ich beschloss beim nächsten Versorgungspunkt, das wäre bei Kilometer 10, wenn ich sowieso kurz anhalten würde, um zu trinken, das lange Shirt auszuziehen. Im Laufen wollte ich es, wegen der schieren Masse an Menschen um mich herum, nun dann doch nicht probieren. Das mus ich erstmal üben. Im Training. Im Dunkeln. Wenn mich keiner sieht. Denn was wäre, wenn ich just in dem Moment, in dem ich mir die Shirts über den Kopf ziehe, stolpere, hinfalle und die nachfolgenden Läufer über mich und übereinander und überhaupt...? Die passende Schlagzeile für die Badische Zeitung hätte ich auch schon parat: "Halbnackter Neurieder verursacht Massenkarambolage bei Freiburg-Marathon"

Nee, das lassen wir lieber. Am letzten Tisch des besagten Versorgungspunktes schnappte ich mir einen Becher Iso, lief noch 20 Meter weiter, stellte mich zwischen zwei geparkte Autos, trank in Ruhe aus und begann mich auszuziehen. Langsam, lasziv. Eher nicht, dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Die klatschnass durchgeschwitzen Funktionsfasern klebten mir dermaßen am Leib, dass ich sie fast nicht runterbekommen hätte. Ein leises, verlangend schmachtendes Stöhnen drang an mein Ohr. Wohl von den Damen auf der Straßenseite gegenüber. Aber auch dafür hatte ich jetzt keine Zeit. Naja eigentlich war es kein Stöhnen, mehr so ein Rauschen. Und von der anderen Straßenseite schien es auch nicht zu kommen. Mehr so aus meinem Kopf. So hört es sich also an, wenn mein kleines, tapferes Läuferherz das Blut mit Puls 180 durch die Adern presst.

Die ganze Aktion hat mich über eine Minute gekostet. Da Tanja in der Zwischenzeit nicht vorbeikam, wohl aber die 2-Stunden-Tempomacher für uns und sogar die Läufer mit den 4-Stunden-Ballons für die Marathonis, war ich mir jetzt sicher: Sie ist irgendwo da vorne. Bis zum Stadion würde die Strecke an der Dreisam entlang leicht ansteigen, und danach wieder flach bzw. bergab verlaufen. Da könnte ich Gas geben und verlorenen Boden gut machen.
Das klappte auch wunderbar. Teilweise jedenfalls. Bis zur Altstadt lies ich es ordentlich laufen, die geilen Bands und die vielen Zuschauer an der Strecke waren Motivation pur. Auch das Abklatschen der Kinderhände machte mächtig Spaß. Welche Freude man den die Kleinen doch als nassgeschwitzter Enddreißiger machen kann.

Dann kam die Altstadt und mit ihr die engen Straßen, die, da teilweise für beide Laufrichtungen, die durch Absperrgitter voneinander getrennt waren, benutzt, die Läuferschar stellenweise bis auf Schrittgeschwindigkeit abbremste. Hier ging es wirklich sehr "kuschelig" zu. Aber die Stimmung an der Strecke war echt klasse. Großes Dankeschön an alle Zuschauer!
Ungefähr bei Kilometer 17. Langsam aber sicher ging es raus aus der Altstadt. Das Schlimmste lag jetzt hinter mir: Jeanette Biedermann.

Ein paar Kurven später kam die Wiwilí-Brücke in Sicht. Den kurzen Anstig hoch, und schon war ich mitten auf der Brücke, von der aus man eine Gleisanlage sehen kann, die schönste, die allerschönste Gleisanlage, die ein Menschenauge je erblicket...
Am Ende der blauen Brücke hat im letzten Jahr eine andere Arbeitskollegin auf mich gewartet, um mich für die bevorstehenden letzten dreieinhalb Kilometer anzufeuern. Aber diesmal war sie nicht da. Diesmal lief sie selbst mit. Irgendwo unter den 11.000 anderen Läufern.

Runter von der Brücke ging es, wenn man vorher oben auf der Brücke war, logischerweise erstmal wieder bergab. Nur ein kurzes Stück, aber es reicht, um etwas mentalen Schwung für die letzten Kilometer zu holen. Und bei Kilometer 19 hatte ich sie plötzlich, die - Zack! - Erscheinung! Ein Bierstand. Wahrhaftig. Neben der Strecke stand ein Rothaus Bier-Pavillon. Einige Läufer hielten hier tatsächlich an, manch einer wird wohl nicht weitergelaufen sein. Aber dafür hatte ich jetzt ebenfalls keine Zeit. Blick auf die Uhr: Es würde locker unter 2 Stunden ausgehen. Die 1:55 konnte ich knicken, das würde ich nicht mehr packen. Aber allzu weit weg davon wäre ich auch nicht.

500 Meter weiter, gar nicht mehr weit bis zum Ziel, passiert es dann: Wurstkoffer! (engl: worst case)
Rechtskurve. Ich bog um die Ecke, und vor mir stand eine Frau. Nein, keine Erscheinung. Eine richtig echte Frau. Eine alte Frau. Eine zierliche, kleine - und ohne die Enkelfrage abschließend geklärt zu haben nenne ich sie jetzt so - Oma. Zart, zerbrechlich; geschätzes Gewicht um die 50 Kilo, vielleicht mehr, aber nur unwesentlich. Sie schaute hoch, erblickte mich - und erstarrte. Sie wurde kreidebleich und ihren Augen stand das blanke Entsetzen, so als würde sie den Leibhaftigen auf sich zustürmen sehen - nicht einen ausgepowerten Halbmarathonläufer. Sie sah, wie die letzten gelebten 70 Jahre - an ihre frühe Kindheit konnte sie sich nicht erinnern - an ihrem inneren Auge vorbei wie in einem Film abliefen. Statt den einen rettenden Schritt zu tun, der sie vor einer Kollision mit 80 Kilo Lebendgewicht bewahren würde, blieb sie wie angewurzelt stehen.
Also musste ich ausweichen. Ich schlug einen Haken, der jedem Feldhasen ein erstauntes Respekt, Alder! entlocken würde, stolperte, drehte mich halb zur Oma um - sie stand noch, stolperte weiter geradeaus, fluchte laut und vernehmlich, und dann stand ich.

Und dann ging ich ein paar Meter. Nach dem Vorfall musste ich erstmal verschnaufen. "Irrer Neurieder überrennt Erna P. (78) beim Freiburg-Marathon" - hätte gepasst. Dann klopfte mir plötzlich eine Läuferin vom AOK-Running-Team Ortenau auf die Schulter und lächelte mich aufmunternd an, nach dem Motto: Los, es ist nicht mehr weit! Langsam trabte ich los, wurde wieder schneller.

Ein paar Minuten später sortierte ich mich rechts ein, um zum Ziel abzubiegen. Die Marathonis bogen nach links ab und gingen auf ihre zweite Runde. Mir hat eine gereicht.
Das letzte Stück bergab bis zum Zielstrich lies ich es nochmal rollen, damit ich wenigstens ein schönes Finisherfoto bekomme.

Die Uhr stoppte für mich bei 1:56:40. Ungefähr eine Minute schneller als 2012. Direkt nach dem Zieleinlauf traf ich Tanja wieder. Sie hatte ihren ersten Halbmarathon in 1:55:32 hinter sich gebracht. Darüber habe ich mich fast am meisten gefreut.

Dann holten wir uns unsere Silbermedaillen und machten uns auf den Weg, das Finisher-Büffet zu stürmen.

Mein Fazit:
Schöner Lauf, persönliche Bestzeit, gerne wieder.
Zuschauer auf der Strecke muss ich nicht jedesmal haben.
Ich hab während des ganzen Laufs nur einmal ausgespuckt. Bei Kilometer 19. Also hat der Flüssigkeitshaushalt gestimmt.

Foto: Rock / Plesker